Woher kommt Dynamic Facilitation?

Dynamic Facilitation wurde Anfang der 1980er Jahre durch den US-Amerikaner Jim Rough entwickelt. Jim war zu dieser Zeit als Personalentwickler und Qualitätsberater im Nordwesten der USA beschäftigt. Im Rahmen seiner Tätigkeit experimentierte er mit Kreativitätstechniken, da er immer wieder komplexen Frage- und Problemstellungen sowie scheinbar unlösbaren Konflikten gegenüberstand.

Er erlebte die Mitarbeiter:innen im Job aggressiv und destruktiv, während er sie im privaten Umfeld als durchaus liebevoll und kreativ kennenlernte. Diese Trennung wollte er überwinden. Er überlegte, wie er diese scheinbar wunderbaren Menschen mit ihrem einzigartigen Potenzial zur Mitgestaltung und Neuordnung einer Organisation bringen könnte.

Schnell stellte er fest, dass alle Inhalte, die er damals über Moderation und Facilitation kannte, in diesem Kontext nicht gut funktionierten. Inspiriert durch ein Seminar über C.G. Jung und die Ursprungskreativität, die jedem Menschen innewohnt, entwickelte er seine eigene Vorgehensweise, um diese Quelle zur Wirkung zu bringen und nutzbar zu machen: Dynamic Facilitation!

Jim folgte dabei der Beobachtung, dass unser Denken in aller Regel nicht linear bzw. sequenziell abläuft, sondern vielmehr sprunghaft und unregelmäßig ist. Daraus entwickelte er als Kernelement seiner Dynamic Facilitation ein Vorgehen, bei dem alle denkbaren Formulierungen in einer Gruppe zu Fragen und Problemen, Lösungen und Ideen, Bedenken und zusätzlichen Informationen gleichzeitig erfasst werden, eben so wie sie in der jeweiligen Person lebendig sind.

Dadurch wird ein Raum geöffnet, in dem jede:r Teilnehmende tiefgehend mit der persönlichen Wahrheit und der individuellen Quelle in Kontakt kommt. Durch die Integration von Emotionen und Bedürfnissen fühlt sich jede:r gehört, angenommen und verstanden. Im Laufe des Prozesses wird dann nach und nach das ganze, große Bild wie beim Zusammensetzen eines Puzzles erkennbar. Der Kern eines Problems wird durch Dynamic Facilitation in eine – meist einmütige – Lösung aller Beteiligten transformiert.

Es entstehen ganz neue Wahlmöglichkeiten, die vor dem Dialog in dieser Form noch nicht bekannt, greifbar oder denkbar waren. Was passiert, ist eine Bewusstseinserweiterung bzw. -veränderung in Bezug auf ein Problem oder ein Thema, dem man auf den Grund gehen will. Jim nennt das „Choice-Creating“.

Wenn dies geschieht, kann es zu so genannten kreativen Durchbrüchen in einer gesamten Gruppe kommen. Zunächst ändert sich das Problem/Thema, dann ändern sich die beteiligten Menschen (indem sie sich z.B. selbst von ihrem vorherigen Standpunkt distanzieren) und dann werden neue kreative Möglichkeiten geboren. Dieses Phänomen beschreibt Jim als „Dynamic Quality“, also die Qualität und die Werte, die sich im Prozess wandeln.

So entstand die Idee des Wisdom Councils

Fast 20 Jahre später, Ende der 1990er Jahre, und nach vielen DF-Seminaren stellte Jim fest, dass die meisten Teilnehmenden wirklich „große Themen“ zur Bearbeitung herangezogen haben und mit DF lösen konnten. Um eine Verbindung und Weiterentwicklung der entstandenen Lösungen zu weiteren, im System befindlichen Menschen zu ermöglichen, konzipierte er den eineinhalb-tägigen Wisdom Council Process oder Rat der Weisen, der heute weltweit auch als Bürger:innenrat eingesetzt wird, um die Weisheit der Vielen zur Wirkung zu bringen und Menschen bei der Schaffung eines neuen Miteinanders zu unterstützen.